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DIE VERKÜNDIGUNG Lukas 1:28-35

Die Jungfrau sitzt in einer Laube und schaut überrascht von dem offenen Buch, in dem sie gerade liest, auf. Die Seiten, liniert aber nicht beschrieben, zielen auf den Leser. An anderen Stellen im Psalter (S. 72, 294 und vielen mehr), an denen die Seiten von einem Text begleitet sind, sind diese Buchseiten fast immer in der Handschrift des dritten Schreibers des Psalters beschrieben, was darauf hinweist, daß auch dieses Buch beschriftet sein sollte, doch hat dieser Schreiber an diesem Bogen hat nicht gearbeitet. Marias rechte Hand zeigt nach außen als Geste des Staunens. In einem Buch, in dem die meisten Gesichter im Profil und mit sich selbst beschäftigt gezeigt werden, trifft Marias direkter Blick die Augen des Beschauers. Die Taube des Heiligen Geistes kommt aus dem Mund des Engels auf einem sichtbaren Atemzug hervor und fliegt auf Maria zu.
Die „lesende annunciata“ ist so früh im 12. Jahrhundert eine wichtige ikonographische Seltenheit. Im späteren Mittelalter ist sie allerdings weit verbreitet (AP, 63, 81). In byzantinischen Abbildungen hält Maria gewöhnlich eine Spindel, die das Weben des Vorhangs im Tempel andeutet. Der Anstoß für eine lesende Jungfrau findet sich im Pseudo-Matthäus, in dem sich Maria während ihrer Jugend im Tempel durch frommes Lesen und Singen der Psalmen hervortat. In ihren Bibelkommentaren erwähnen Ambrosius und Beda beide, daß Maria von der Prophezeiung einer Jungfrau, die einen Knaben empfangen und gebären werde, gelesen habe. Odo von Cluny (962-1049) fragt in einer Predigt, womit die Jungfrau beschäftigt war als der Engel kam und spekuliert, daß sie vielleicht die Propheten gelesen habe. Im 12. Jahrhundert behauptet Ailred Rievaulx in einer Predigt fest, daß Maria zu diesem Zeitpunkt das Buch des Propheten Jesaja gelesen habe.

Auf der geschnitzten Braunschweig-Schatulle aus dem 9. Jahrhundert wird Maria mit einem offenen Buch auf einem Lesepult gezeigt und gemalt wurde sie so im Benedictional [liturgisches Buch mit Segensgebeten für einen Bischof, das nur in England gebräuchlich war] von St Aethelwold aus dem 10. Jahrhundert (London, British Library, MS Add. 49598). Im Lectionarium [Sammlung von biblischen Stücken, die vorgelesen wurden] von Cluny und in den Böhmischen Krönungsevangelien hat sie ein geschlossenes Buch auf ihrem Schoß, aber das offene Buch auf dem Schoß ist neu im Albani-Psalter. Diese Neuerfindung stimmt auch mit dem überein, was wir von Christina wissen: Ihr Psalter „lag zu ihrem Gebrauch zu allen Stunden offen auf ihrem Schoß“ (Talbot, 1998, 99). Die Betonung eines aktiven, gedanklichen Bewußtseins der Maria steht auch in Verbindung mit dem Jungfrauenkult des frühen 12. Jahrhunderts, der von Abt Anselm von Bury St Edmunds, Eadmer von Canterbury und Osbert von Clare stark gefördert wurde. Alle drei waren den Künstlern des Albani-Psalters bekannt.
Die Taube, ein wesentliches Element späterer Verkündigungsszenen, ist zu diesem Zeitpunkt sehr selten. Sie findet sich im Böhmischen Krönungsevangelium von 1085 (Prag, Universitätsbibliothek MS XIV A 13/1; AP, 67). Auch zu Christinas Geburt erschien eine Taube. Sie flog herüber vom Kloster in Huntington und nestelte sich im Ärmel ihrer Mutter ein, wo sie sich sieben Tage lang während der Schwangerschaft streicheln ließ. Sie war ein Zeichen, daß Christina vom Heiligen Geist erfüllt sein würde (Talbot, 1998, 34-35).




 
   

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