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Einführende Worte zum Albani-Psalter

Diese Seite soll Lesern die Schönheit und den Inhalt des Albani-Psalters näher bringen. Kommentare zu den einzelnen Seiten des Psalters erklären grundsätzliche Aspekte von Ikonographie und Kodikologie. Zusammen mit den Transkriptionen und Übersetzungen vermitteln sie ein grundlegendes Verständnis des Buches.

Die Aufsätze, die auf der englischen Version dieser Seite zu finden sind, befassen sich etwas detaillierter mit einzelnen Aspekten des Buches und seinem historischen Kontext. Sie stützen sich dabei hauptsächlich auf die genaue wissenschaftliche Untersuchung des Buches selbst, sowie auf historische Hinweise über das Leben der Christina von Markyate und Abt Geoffrey de Gorham. Daher gehen sie nicht auf umfassendere Themen ein, wie die Bedeutung des Psalters innerhalb des Skriptoriums von St. Albans oder gar seinen Platz in der englischen Kunst der Romanik.

Der Albani-Psalter setzt sich aus fünf verschiedenen Teilen zusammen. Diese sind:

ein liturgischer Kalender;
40 ganzseitige Miniaturen aus dem Leben Christi;
eine Lage mit dem Lied des Alexis und einem Brief des Papstes Gregor auf Französisch, drei Bilder des Christus in Emmaus, ein Diskurs über Gut und Böse und der Buchstabe B (Beatus vir), der den Anfang der Psalmen markiert;
die Psalmen, Gebete und Gesänge;

eine Doppelseite mit dem Märtyrium des heiligen Alban und dem musizierenden David.

Anhand des Textes und der Abbildungen vermutet man, daß das Buch für Christina von Markyate, einer Einsiedlerin (geboren ca. 1096, gestorben ca. 1155), von Geoffrey de Gorron, Abt von St. Albans, geschaffen wurde (1119-1146).

In Kürze: Christina war ein schönes angelsächsisches Mädchen, deren Eltern sie zwangen, sich gegen ihren Willen zu verheiraten. Nach einem Besuch der Abtei von St. Albans in ihrer Kindheit, hatte sie sich heimlich geschworen, Nonne zu werden. In ihrer Hochzeitsnacht wies sie ihren Gemahl ab, kämpfte darum, Jungfrau zu bleiben, und konnte schließlich aus ihrem Hause entkommen. Sie floh zu einer Reihe angelsächsischer Einsiedler, die sie für einige Jahre schützten und kam am Ende zu Roger dem Einsiedler, einem Mönch aus St. Albans in dessen Zelle in Markyate. Als dieser starb übernahm Christina die Einsiedelei und stand von nun an unter dem Schutz des Abtes Geoffrey. Sie übte einen starken Einfluß auf den Abt aus, auf dessen spirituelle Entwicklung, so wie auch auf Entscheidungen in der Verwaltung der Abtei. Geoffrey unterstützte die Einsiedelei mit finanziellen Mitteln. Beider eigenartige Beziehung blieb keusch, aber sie wurde zum Anlaß böswilliger Gerüchte und Eifersüchteleien in der Abtei. Geoffrey war ursprünglich Schulmeister in Maine in Frankreich gewesen, und begann dann in Dunstable, in der Nähe von St. Albans, zu unterrichten. Während der Produktion eines geistliche Spieles verbrannten versehentlich einige Pluvialen, die er von der Kirche geliehen hatte, und er entschied sich daraufhin, als Entsühnug ein Mönch zu werden. Seine Leidenschaft für das Theater spiegelt sich deutlich im Psalter wieder.

Der Psalter ist wegen seiner außergewöhnlichen Illuminationen äußerst wichtig, besonders die Miniaturen des sogenannten Alexis Meisters gehören zu den besten Beispielen der romanischen Bildkunst in England. Das Lied des Alexis ist das früheste erhaltene Beispiel der alt-französischen Literatur und ein Schlüsseltext in der Entwicklung der französischen Sprache. Außerdem verleiht die Beziehung zwischen Christina und Geoffrey dem Buch noch eine weitere Dimension, denn hier wird Christinas Leben in einem zeitgenössischen Manuskript aufgezeichnet und teilweisen sogar von Christina selbst diktiert (Talbot, 1998). Dieses eindrucksvolle Dokument, das der dramatischen Geschichte ihres Kampfes Nonne zu werden zum Ausdruck bringt, wird zugleich Zeugnis ihres Glaubens, ihrer Liebe, ihrer Visionen und ihrer Gedanken.
Der Psalter wurde in der Abtei von St. Albans geschaffen und wurde bis zur Reformation wahrscheinlich in Christinas kleinem Priorat in Markyate, Hertfordshire nicht weit von St. Albans aufbewahrt. Das Wort „Papst“ wurde im Kalender unter dem Verbot Heinrich VIII. ausradiert, ein Beweis dafür, daß sich der Psalter zur Zeit der Reformation in England befand. Während des Bürgerkrieges brachte ein englisch-katholischer Flüchtling das Manuskript in das englische Benediktinerkloster in Lambspringe in Niedersachsen (1643 gegründet). Die Ankunft in Niedersachsen ist auf den ersten Seiten festgehalten. In die St. Godehardskirche in Hildesheim kam das Buch wahrscheinlich, als das Kloster in Lambspringe 1803 geschlossen wurde.
Zusätzliche Einträge in den Kalender liefern einen schriftlichen Beweis für Christinas direkte Beteiligung an der Komposition. Die Einweihung ihres Priorats in Markyate (1145) wird von einem Schreiber festgehalten, Christinas Tod und der ihrer Familienmitglieder werden von einem anderen Schreiber notiert. Der Kalender selbst weist deutliche Ähnlichkeiten mit einer Vorlage aus der Ramsey Abtei auf, die sich in der Nähe von Huntington, der Geburtsstadt Christinas, befindet. Gleichzeitig nimmt der Kalender aber auch Bezug auf den heiligen Alban, dessen Festtag hier aufgezeichnet ist, eine musikalische Notierung auf der Dezemberseite findet sich ebenso auf einem zeitgenössischen Kalender aus St. Albans. Zudem zeichnet der Kalender im Psalter vielzählige weibliche Heilige und Jungfrauen auf, die nicht in St. Albans oder in Huntington verehrt wurden, die aber einem weiblichen Besitz des Psalters angepaßt waren.

Das Albani-Psalter scheint ursprünglich mit den Psalmen angefangen zu haben, von denen ein jeder mit einer Initiale beginnt, die den Text erläutert. Es ist möglich, daß das Buch ursprünglich für den Gebrauch in der St. Albans Abtei bestimmt war, und daß die Abbildungen des heiligen Alban und David, die sich jetzt am Ende des Buchs befinden zuerst am Anfang standen. Aber irgendwann wurde entschieden, den Psalter Christina zu überreichen, dessen Inhalt dementsprechend modifiziert wurde. Auf Seite 285 ist die Initiale für den 105. Psalm auf einer leeren Stelle eingeklebt und bildet Christina ab, wie sie, gefolgt von den Mönchen von St. Albans, um die Gnade Christi betet. Über diese Initiale wurden zahlreiche Forschungsarbeiten geschrieben, aber man nimmt an, daß sie den Zeitpunkt festhält, zu dem der Abt Geoffrey sich entschloß, den Psalter für Christina fertigzustellen und so die Natur des Buches völlig änderte. Die Abbildung des heilgen Alban wurde zum Ende des Buches verschoben. An deren Stelle begann das Buch mit Christinas Kalender und einer Reihe von Miniaturen, die speziell für ihre Kontemplationen gewählt wurden. Der Zyklus vom Sündenfall und dem Leben Christi hat in seiner Gestaltung eine ausgeprägte Neigung zum Weiblichen und stellt Frauen auf achtzehn Bildern dar. Diese Szenen sollten Christina helfen sich in erlebende Meditationen zu versenken, wie sie vor kurzem von St. Anselm propagiert worden waren. In diesen Meditationen nahm der Kandidat einen sujektiven und gefühlsmäßig stark betonten Anteil am Inhalt der Kontemplation.

Die Initialen illustrieren Schüsselszenen aus den Psalmen. Eine kurze Überschrift in roter Tinte bei der Initiale erläutert die Illustration in allgemeiner Weise. Aber ein neuer Inhalt, bewußt vom Schirmherren gewählt, wird an den Stellen hervorgehoben, an denen das Bild vom Text abweicht. Das wird besonders im 105. Psalm (die Christina Initiale), im 118. Psalm (Seite 315), im 132. Psalm und in der Litanei deutlich. Diese Initialen scheinen eine besondere Bedeutung für Christina und Geoffrey gehabt zu haben. Auch werden die roten Überschriften nach der Christina Initiale immer wichtiger. Die Figuren in der Initiale beziehen sich immer deutlicher nur auf die roten Beschilderungen und Überschriften und sie übergehen den schwarzen Text des jeweiligen Psalms.

Die fünfte Lage mit dem Lied des Alexis scheint erst etwas später eingefügt worden zu sein und auf Gesprächen zwischen Christina und Geoffrey zu basieren. Alexis verläßt seine junge Braut noch vor der Hochzeitsnacht, ein Vorkommnis, das Ähnlichkeiten mit Christinas Hochzeitsnacht aufweist, denn auch sie ist von ihrem Mann geflohen. Andererseits nimmt das Alexis-Lied auch Bezug auf ihre Beziehung zu Geoffrey. Geoffrey verließ England im Jahre 1136 oder 1139 und begab sich gegen Christinas Wunsch, wenn auch ungern, auf die Reise nach Rom.


Der Brief von Gregor dem Großen ruft dazu auf, Bilder als Hilfe zu benutzen, um sich ins Gebet zu vertiefen, und diese Bilder sollen auch beim Lesenlernen Beistand leisten. Die Tatsache, daß der Brief auf Französisch und auf Lateinisch wiedergegeben ist, deutet an, daß es sich um eine Lektion handeln könnte.

Die Emmaus-Szenen haben einen direkten Bezug auf Christinas Leben, auch sie hatte Visionen von Christus als einem unbekannten Fremden. Gleichzeitig führt die Parallele mit Emmaus auch ein fremdes maskulines Element in Christinas Erfahrungen ein, wahrscheinlich unter der Weisung des Geoffrey. Nach ihren eigenen Worten aber bezieht sie sich eher auf Maria und Martha und sucht nach weiblichen Vorbildern (siehe Talbot, The Life of Christina of Markyate). Am Ende führt der Diskurs über den geistigen Kampf zwischen Gut und Böse als Dialog geschrieben zu einem sehr intimen Verhältnis zwischen dem Verfasser und dem Leser, der als eine Person beschrieben wird, die diesem Gespräch beiwohnt.

Die ganze Alexis-Lage, die roten Überschriften in den Psalmen und der wichtige Nachruf auf Roger den Einsiedler sind im Kalender alle von dem dritten Schreiber geschrieben, der auch an anderen Handschriften in St. Albans gearbeitet hat. Es ist anzunehmen, daß diese wichtigen Einträge aus der Hand des Abtes Geoffrey selbst geflossen sind.

Das Buch könnte jederzeit während der Amtszeit des Geoffrey gefertigt worden sein (1119-49). Aber zu Christina nahm Geoffrey erst Beziehungen auf, nachdem Roger der Einsiedler gestorben war (1121-22), und im Buch wird angedeutet, daß sie zum Zeitpunkt, als die Christina Initiale hinzugefügt wurde, einen engen Kontakt miteinander hatten. Christina gab ihren Eid als Nonne ungern ca. 1131 ab und dieser Akt mag ein passender Anlass für die Fertigstellung des Buches gewesen sein. Die Visionen von der Trinität, die in der Litanei abgebildet sind, hatte sie erst „nach dem vierten Jahr ihrer Berufung“, um 1135. Falls sich die Alexis-Lage auf eine der Reisen des Geoffrey nach Rom bezieht, dann mag sie ca. 1136 oder 1139 hinzugefügt worden sein.

 

 

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